Ringo 1 – Am Leben

Das „Spinoff“ der erfolgreichen italienischen Science-Fiction Saga „Waisen“ ist eine explosive Mischung aus sehr europäisch wirkendem Endzeit-Drama und pfeilschneller Manga-Action. Was mir am ersten Band um den grummeligen Revolutionsführer so gut gefiel, das erfahrt Ihr in meinem neuen Review.

Die charismatische Diktatorin Jsana Juric lässt ihr Volk glauben, jeder könnte der Hölle, die aus der Erde geworden ist mit einem Lotterieticket und ein wenig Glück entkommen. Propaganda beherrscht die Welt. Besonders seit es Still um den Aufstand um „Pistolero“ und seine Mitstreiter geworden ist. Der Befreier des Volkes, dessen eigentlicher Name schlicht „Ringo“ lautet hat vor vielen Jahren das Exil gewählt. Aber auch auf der abgelegenen Insel, die er als neue Heimat gewählt hat holt den ehemaligen „Pistolero“ seine Vergangenheit ein. Barbara, seine frühere Mitverschwörerin und Geliebte bittet den Guerilla-Krieger um seine Hilfe. Drei jugendliche Revolutionäre sind bei einem gescheiterten Attentatsversuch auf die Präsidentin gefasst worden und befinden sich nun in Gefangenschaft. Einer der drei Jungterroristen ist offenbar das Kind von Barbara und Ringo. Doch wer genau, das will die schöne Freiheitskämpferin vorerst für sich behalten…

Optisch wirken die Seiten des fast quadratischen, (wie von Cross Cult gewohnt) hervorrangend verarbeiteten Hardcovers wie ein Crossover aus Charlie Adlards großartigen, bewusst reduzierten „The Walking Dead“-Zeichnungen und Manga-inspirierten Techno-Designs. Die insgesamt simpel und kühl kolorierten Panels werden immer wieder von extremen, digitalen Videospiel-Lightshows aufgebrochen, was Ringo insgesamt ein großartig eigenständiges Setting beschert.

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Auf ihrer ungewissen Reise hat mir die Wechselwirkung zwischen den vorlauten, rebellischen Jugendlichen und ihrem desillusionierten, störrischen Begleiter wirklich viel Spaß gemacht und die Zeit wie im Fluge vergehen lassen. Dass ich über 200 Seiten am Stück lese hat dabei nicht nur an der übersichtlichen Textmenge, sondern vor allem an dem brennenden Bedürfnis gelegen, immer sofort wissen zu wollen, wie es nun weitergeht.

Trotz der mehrfachen Empfehlung meines Comic-Dealers habe ich die Vorgängerserie „Waisen“ bislang noch immer nicht gelesen. Das versetzt mich aber glücklicherweise in die ideale Position um zu beurteilen, ob „Ringo“ sich nun auch für Neuleser lohnt. Und das tut es absolut. Häufige Referenzen auf alte Freundschaften und Fehden machen mich zwar sehr neugierig auf die „Waisen“ verbieten mir aber auch nie der intelligenten aber nie komplex überladenen Handlung zu folgen.

Autor Roberto Recchioni erschafft mit minimalistisch wenigen aber immer treffsicheren Dialogen liebenswerte und tiefe Charaktere, die den Leser durch für mich absolut unerwartet actionreiche 208 Seiten führen. Ich habe ein deutlich gemächlicheres Werk in der Tradition klassischer Science-Fiction-Stories erwartet. Stattdessen überrascht mich der erste Band von „Waisen – Ringo“ mit einer perfekt ausgewogenen Mischung aus nachdenklichem Endzeitdrama und rasanter, japanoider Action. 

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Das liegt nicht zuletzt auch an der herrlich bösartigen Präsidentin und ihrer Attentäter-Garde, den als „Die Krähen“ gefürchteten Cyborg-Ninjas, die ihren Weg offenbar direkt aus Konamis „Metal Gear Solid“-Spielen in den italienischen Comicband gefunden haben. Die sehen nämlich nicht nur verdammt cool aus, sondern sind auch interessante, angemessen widerliche und menschenverachtende Widersacher für unsere Helden-Truppe.

Ohne ihre Leser mit inhaltlichen Pseudo-Details künstlich Komplexität vorzugaukeln hat das italienische Dream-Team mit „Am Leben“, so der Titel des ersten Bandes eine glaubhafte, düstere Zukunftsvision erschaffen. Geschickt positionierte Pointen und das immer richtige Händchen für die Balance zwischen Information und Unterhaltung heben die Erzählung des „Waisen“-Nachfolgers auf das Niveau hochwertiger, moderner US-TV-Serien. Sicher hat man sich nicht unbewusst bei den Büchern von einer „Staffel“, statt einer Reihe zu sprechen. 

Unbedingt anschauen, „Ringo“ hat mich wirklich sehr überrascht und ist ein Fest für jeden Freund von Endzeit-Action und sadistischen Roboter-Ninjas. Und wer ist das bitte nicht?

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  • Autor – Roberto Recchioni
  • Zeichnungen – Emiliano Mammucari, Luca Maresca
  • Format – 16x21cm, 4farbig
  • 208 Seiten
  • Hardcover
  • Preis – 19,80 
  • ISBN 978-3-86425-692-9

Rezensionsmuster – Hardcover, zur Verfügung gestellt von Cross Cult – Herzlichen Dank!

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