Die Schöne und das Biest

Was auf den ersten Blick scheinen mag wie eine der unzähligen und gerade ach so angesagten Märchen-Neuerzählungen entpuppt sich bei näherem Hinsehen als viel origineller. Weit vom Original entfernt und in seiner Erzählweise eher an Manga erinnernd geht der Titel in meinem aktuellen Splitter-Review viele neue Wege und macht dabei auch vieles richtig.

Die schöne Bella ist so ganz anders geraten als ihre Familie oder die restlichen Bewohner der Stadt. Sie ist anständig und aufrichtig. Und Bella steckt ihre Nase gern in Bücher, verliert sich in fremden Welten. Nie hätte sie sich träumen lassen wie schnell diese fremden Welten den Weg zu ihr finden würden. Denn eines Abends überfällt ein mysteriöses, fliegendes Schiff mitsamt seiner dämonischen Besatzung die Bewohner der Stadt. Die furchteinflößenden Wesen sind auf der Jagd nach schwarzen, verkommenen Seelen. Und davon finden sie hier nicht wenige. Als Bellas Schwestern und auch der Vater ihrer Seelen beraubt werden sollen bittet die junge Frau um Gnade und bietet sich selbst anstatt ihrer Familie an. Die monströsen Invasoren willigen ein, nehmen Bella jedoch mit an Bord ihres Schiffes. Eine so reine Seele wird ihren ursprünglichen Zwecken nicht dienen… Der Kapitän des Schiffes ist ein riesiges Biest das mit einem schrecklichen Fluch belegt wurde. Um seine große Liebe Diana zu beschützen ist diese Bestie nun gezwungen einen abgrundtief bösartigen Hexer mit dunklen Seelen zu füttern – Würde es sich weigern, wäre dies Dianas Ende…

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Die detaillierte Optik des 96 Seiten starken Hardcovers kann seine europäische Herkunft nicht verleugnen und punktet mit detailverliebten Gebäudestudien und kräftiger, stimmungsvoller Kolorierung. Der hervorragende Gesamteindruck lässt einen so gern gelegentliche Schwächen in der Darstellung von Mimik oder deutlich erkennbare Abweichungen der Zeichenstile innerhalb einer Seite verzeihen. Die große Stärke des „Splitter Double“-Bandes liegt aber ohnehin in seiner frechen, oft japanisch wirkenden Erzählung um Eifersucht, abgewiesene Magier und von Dornenranken überwucherte Luftschlösser.

Der dabei extrem unverhofft aufblitzende, slapstickartige Humor wird dabei sicher nicht jedermanns Sache sein, macht aber einen großen Teil der eigenwilligen, frischen Mixtur aus europäischer Optik und den bizarren Erzählstrukturen fernöstlicher Comics aus. Dort scheut man sich trotz aller Ernsthaftigkeit der Story fast nie auch humoristische Elemente einzustreuen und das passt richtig gut zu „Die Schöne und das Biest“, wie ich finde.

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Geschickt spielt Autor Maxe L’Hermenier mit den Erwartungen seiner Leser, die sich durch Kenntnis des Märchens natürlich ganz von selbst ergeben. Dabei weicht er bis zum Ende seiner kreativen Neuerzählung immer weiter vom Original ab. Es ist die Rollenverteilung, mit der er versucht uns zu irritieren. Wer genau ist das Biest, das Monster in seiner Version? Wirklich der verfluchte Kapitän des Luftschiffes? Oder ist es der finstere Hexer, der mit den Rosenbüschen des Schlosses verwachsen ist? Oder Liam, der Sohn des Bürgermeisters, von dem man zuerst dachte er habe ein gutes Herz? Diese interessanten, permanenten Perspektivwechsel sind das Besondere an diesem Titel, der mich inhaltlich oft stark an die fantasievollen, bizarren Drehbücher des Studio Ghibli erinnert hat.

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„Die Schöne und das Biest“ ist ein aufregender Fantasy-Spaß und eine Liebeserklärung an seine fernöstlichen Inspirationen. Trotz gelegentlicher Inkonsistenzen in der handwerklichen Durchführung sieht der Doppelband insgesamt sehr gut aus und ist dank seiner kreativen Wagnisse für mich bislang eines der großen Fantasy-Highlights im Splitter-Programm. Kurz nach dem ersten Durchlesen war ich offen gesagt noch der Meinung, dass ein dritter Band und etwas mehr Zeit der Entwicklung der Charaktere gut getan hätte. Jetzt, ein paar Stunden später glaube ich aber eher, dass das rasante Erzähltempo genau richtig gewählt ist und dafür sorgt, dass alles europäisch-opulent aussieht, sich aber aufregender Weise nie so anfühlt. Ganz klare Empfehlung für alle Fantasy-Freunde und für Fans origineller, frischer Ansätze.

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  • Autor – Maxe L‘Hermenier
  • Zeichner – Dem, Looky
  • Hardcover
  • 96 Seiten
  • ISBN 978-3-95839-074-4
  • Erscheint am: 01.08.2015

Rezensionsmuster – Hardcover, zur Verfügung gestellt von Splitter – Herzlichen Dank!

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