RASL

Neben den „Abenteuern in der Elfenwelt“ war Jeff Smiths „Bone“ eine der ersten Möglichkeiten, eine epische Fantasy-Saga mit einem anderen Medium als dem klassischen Roman zu erleben. Beide Titel lagen sogar in den überschaubaren sonst eher von „Asterix“ oder „Tim und Struppi“ dominierten Comicabteilungen vieler deutscher Stadtbüchereien aus. Lange vor dem beispiellosen Siegeszug der Verfilmungen von „Harry Potter“ und dem „Herrn der Ringe“ boten diese beiden Reihen epische, fantasievolle Unterhaltung, die trotz oder gerade wegen ihrer kleinen Kreativ-Teams wirklich professionell umgesetzt war. Mehr als zwanzig Jahre später hat es nun Smiths zweites Mammutwerk „RASL“ dank Popcom nach Deutschland geschafft.

RASL bestreitet seinen Lebensunterhalt mit einem lukrativen, aber nicht ganz ungefährlichen Geschäft. Er ist Kunstdieb und weist seltene Originalwerke, wie etwa die des legendären Pablo Picasso zahlungskräftigen, neuen Besitzern zu. Außergewöhnlich daran ist, dass der abgerissene, wortkarge Ganove nach seinen Raubzügen durch von einem „T-Suit“ (einer Art technologischer Rüstung) erzeugte Portale in andere Dimensionen flieht. Diese sogenannten „Drifts“ zehren aber von seiner körperlichen und seelischen Kraft, hinterlassen ihn zunehmend geschwächter und verwirrter. Endorphinschübe durch Alkohol oder Sex verschaffen ihm zeitweise Linderung dieser Phänomene. Als ein mysteriöser Mann mit grausam verzerrtem Gesicht Annie, eine von RASLs zahlreichen, interdimensionalen Gespielinnen tötet, gerät der ehemalige Physiker in einen reißenden Sog aus Wissenschaft, Mystik und Intrigen.

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Was guter Science Fiction in unserer hochtechnisierten Neuzeit scheinbar gänzlich abhanden gekommen ist, sind die wissenschaftlichen Bezüge, die eine noch so abenteuerliche Geschichte in der Wirklichkeit verankern und ihr Glaubwürdigkeit verleihen. Auch Autor und Künstler Jeff Smith scheint dieser Meinung gewesen zu sein und würzt sein enorm originelles und erfrischendes Szenario mit einer Fülle an wissenschaftlichen Fakten, die er mit stimmungsvollen Illustrationen und wüsten Verschwörungstheorien garniert. Im Zentrum des Interesses steht dabei der romantisierte Blick auf den Physiker und Erfinder Nikola Tesla. Wer einmal das Vergnügen hatte, sich den genialen „Prestige“ von „Dark Knight“-Regisseur Christopher Nolan anzuschauen, der könnte eine ungefähre Idee davon haben, wie auch Jeff Smith die historische Figur als Dreh- und Angelpunkt seines düsteren Noir-Thrillers nutzt.

RASL, oder Robert, wie er in seinem früheren Leben hieß, ist kein staubtrockener Bücherwurm, kein generischer Wissenschaftler wie in zahllosen Romanen oder Filmen. Die vielschichtige, tragische Figur erinnert mehr an Archetypen wie Mary Shelleys Viktor Frankenstein. Denn auch Robert will versuchen das Grauen, das seine wissenschaftliche Arbeit ausgelöst hat zu korrigieren und zu beenden. Dass es dabei oft schwierig wird, den unterschiedlichen Dimensionsebenen zu folgen ist keineswegs ein Anzeichen für handwerkliche Fehler in Smiths Erzählkunst, sondern soll den Leser ganz bewusst auf Roberts Ebene entführen, an ihrem Verstand zweifeln lassen. Sie sollen gezwungen sein, die Stücke des komplexen Puzzles immer wieder neu anzuordnen und zu betrachten. Je näher das gewaltige und (wie von Popcom gewohnt) extrem hochwertige Hardcover seinem Höhepunkt und den dringend herbeigesehnten Antworten rückt, um so mehr scheinen Realität und Verstand aus den Fugen zu geraten. Diese großartigen, intensiven Momente versprühen einen ganz eigenen Charme in der Tradition des verstörenden, modernen Filmklassikers „Donnie Darko“.

RASL ist das perfekte Beispiel dafür, dass intelligente, vielschichtige Comickunst auch richtig modern und sexy aussehen kann und ist absolute Pflichtlektüre für Fans moderner Mystery-Serien wie „Lost“ oder „Fringe“. Aber auch unentschlossene, vielleicht etwas verhaltener interessierte Leser können bei dem erstaunlichen Kampfpreis von 29,95€ für ein fast 500 Seiten starkes, vollfarbiges Hardcover nicht viel falsch machen. RASL rockt.

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  • RASL
  • Seitenzahl – 472
  • Format – vollfarbiges Hardcover
  • Genre – Science-Fiction
  • Altersempfehlung des Verlages – 15 Jahre +
  • ISBN – 978-3-8420-1673-6
  • Preis -29,95 EUR
  • Erhältlich bei POPCOM

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