Milan K.

Der junge Mikhail, Sohn des einst reichen und mächtigen aber inhaftierten Oligarchen Khodorov lebt in einem britischen Internat. Zum Geburtstag seines Vaters soll er mit seiner Stiefmutter und seinen Halbgeschwistern nach Russland fliegen, um das der Staatsmacht zu unbequem gewordene Familienoberhaupt im Gefängnis zu besuchen. Doch nach einer der häufigen Streitigkeiten mit der neuen Frau Khodorov beschließt der rebellische Teenager lieber einen Flug später zu nehmen. Ein verhängnisvoller Entschluss, denn das Flugzeug, in dem Mikhail nun eigentlich sitzen sollte verunglückt unter mysteriösen Umständen und reißt beinahe die gesamte Familie in den Tod.

Die letzten Jahre seines Lebens hatte Mikahil er unter der ständigen Obhut seines Leibwächters und väterlichen Freundes Igor verbracht, der ihn stets auf die allgegenwärtige Gefahr durch den korrupten und bösartigen Präsidenten Wladimir Palin (jegliche Ähnlichkeit mit real existierenden Personen ist sicher rein zufällig) hinwies und zu einem Leben in ständiger Wachsamkeit erzog. Nun ist klar – Die Schlinge um den Hals der Familie Khodorov zieht sich zu. Gemeinsam mit Igor nutzt der junge Khodorov die Falschmeldung, auch er sei an Bord des verunglückten Fliegers gewesen, um mit von seinem Vater deponierten Geldmitteln ein Leben auf der Flucht und mit ständig wechselnden Identitäten zu beginnen…

Die großen Stärken des Polit-Thrillers „Milan K.“ liegen in seiner rasanten, spannenden Präsentation und in der nachvollziehbar und glaubhaft beschriebenen Freundschaft zwischen Mikhail und seinem Bodyguard Igor. Dabei verbindet Autor Sam Timel die Tugenden klassischer, europäischer Spionage-Comics wie XIII mit dem Tempo aktuellerer, deutlich dynamischerer Thriller wie der „Jason Bourne“-Reihe.

Trotz klar erkennbarer, handwerklicher Qualitäten beteiligt sich Künstler Corentin dabei aber nicht an dieser Modernisierung des auf dem realen Schicksal von Michail Borissowitsch Chodorkowski basierenden Krimis, sondern verharrt in der von europäischen Comics der siebziger und achtziger geprägten Bildsprache des offensichtlichen Vorbildes „Largo Winch“. Das mag vielen Freunden klassischer Agenten-Comics sicher gefallen, drosselt aber auch die Chancen, einer neue Generation von Lesern den Zugang zu „Milan K.“ zu erleichtern. Dabei wissen die kräftige Farbpalette und rasante Action-Sequenzen durchaus zu begeistern. Eine etwas breitere Palette an Gesichtsausdrücken hätte den stimmig konstruierten emotionalen Verhältnissen der Charaktere aber sicher gut getan.

Insgesamt ist „Milan K.“ ein spannendes und modernes Lesevergnügen, das jeder Leser anhand seiner Sozialisation selbst irgendwo auf der Skala zwischen Tatsachenbericht und Verschwörungstheorie einordnen muss. Durch den kräftigen Einsatz dramatischer Überzeichnung vergisst der gute Milan aber dankenswerter Weise nie zu unterhalten und versteht es, dabei die komplexen politischen und wirtschaftlichen Vorgänge leicht verständlich zu schildern. Genre-Fans und -Sympathisanten werden in jedem Fall auf ihre Kosten kommen.

  • Künstler – Corentin
  • Autor – Sam Timel
  • Bislang 2 Bände
  • je 48 Seiten
  • Hardcover-Album
  • je € 14,95
  • Erhältlich bei Schreiber & Leser

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