Wandering Ghost

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Der Lauf des Lebens. Aufwachsen, eine Familie gründen und eines Tages hoffentlich alt und zufrieden sterben. So war es einst gedacht. Von außen betrachtet eine ganz simple Geschichte. Doch wie wir alle wissen, ist es nicht ganz so einfach.

„Wandering Ghost“ beschäftigt sich mit dieser komplexen Thematik. Der außergewöhnliche, kleine Protagonist befindet sich mitten im Dilemma des Aufwachsens und der eigenen Identitätsfindung. Wir wandeln zusammen mit ihm durch seine kleine Welt und begleiten den tapferen Geist bei der einmaligen Reise in das Erwachsenwerden. Denn auch wenn es scheint, als würde man über Nacht erwachsen, so folgt auf die offensichtliche, äußerliche Veränderung, unweigerlich auch die innere…

Mit „Wandering Ghost“ habe ich einen neuen Schatz unter den Comics entdecken dürfen. Künstlerin Moki bringt ihre Kunst in ihrer ersten, längeren Erzählung mit Hilfe von nur sehr wenigen Stilmitteln zum Ausdruck. Die Geschichte enthält keinerlei Text. Auch die Optik ist schlicht gehalten. So kommen ihre Illustrationen gänzlich ohne Coloration und mit nur recht wenigen Linien aus. Moki zeigt uns auf eine tolle Art und Weise, wie man auch ohne auf den Putz zu hauen etwas ganz tolles aufs Papier zaubern kann. In einem beigelegten, acht-seitigen Bilderbuch aus stabilen Papier zeigt sie uns zudem, dass auch sie die Kunst der Colorierung beherrscht. Hier erleben wir in einer kleinen Nebenanekdote den kleinen Schatz in einer Umgebung von warmen Herbsttönen.

Für die gebührende Stimmung ihrer Geschichte wählte sie eine melancholische Form, die den Werdegang des kleinen Wesens den Leser mit jedem Schritt berührender macht. Der „Wandering Ghost“ durchkämpft weite Landschaften und scheint ganze Berge mit seiner Willenskraft versetzen zu können. Wer sich jedoch für eine Reise mit ihm entscheidet, der sollte sich darauf einstellen, als Leser sehr gefordert zu werden. Einerseits verschmilzt man durch sehr detaillierte Schilderungen mit den Gedanken der Künstlerin – wie beispielsweise bei nächtlichen Traumwandlungen, schwebend zwischen Wolken – andererseits fordern andere Darstellungen auch sehr und verlangen Abstraktionsvermögen. Bitte lasst euch von den niedlichen Zeichnungen nicht täuschen. Moki lässt viel Spielraum für freie Interpretationen, weshalb ich den Comic unbedingt für die ältere Fraktion empfehlen möchte. Doch, Hand aufs Herz,  trotz aller geistigen Anstrengungen würde ich den kleinen Gesellen bei jeder anderen Reise gerne wieder unterstützen und würde mich über weitere Bildergeschichten dieser Art sehr freuen!