Rachel weiß nicht, wie sie unter die Erde gekommen ist, oder was die Würgemale an ihrem Hals zu bedeuten haben. An die letzten Stunden vor ihrem nicht ganz erfolgreichen Ableben hat sie keinerlei Erinnerung. Allerdings stellt sie bald fest, dass sie sich die Todesumstände tatsächlich verstorbener Menschen durch Berührung vor Augen führen kann, als sei sie selbst vor Ort gewesen. Schon sehr bald muss sie feststellen, dass sie Teil eines uralten Schachspiels zwischen guten und bösen Mächten ist und dass es weitere Wesen gibt, die so sind wie sie…

Eine der beeindruckendsten und unverbrauchtesten Comic-Serien der letzten Jahre findet nun ihr trotz aller unkonventionellen Ansätze furioses und episches Ende. Was bei anderen, linientreueren Mystery- oder Horror-Reihen pure, dem Genre geschuldete Pflichterfüllung wäre, ist paradoxer Weise eine große Überraschung im siebten Band von „Rachel Rising“. Trotz blutiger und makaberer Momente ist es nämlich eigentlich der zwischenmenschliche Horror, sind es die Abgründe in den Menschen um uns herum, die dem Leser hier kalte Schauer über den Rücken jagen.

Auch in seiner zweiten Indie-Erfolgsserie nach dem international gefeierten „Strangers in Paradise“ setzt Autor und Künstler Terry Moore auf liebenswerte, tiefe und charismatische Figuren und lässt sie existenzielle Themen Popkultur-kompatibel diskutieren. Subtrahiert man die pubertären Kalauer und Slapstickeinlagen, dann sind die Filme des amerikanischen Filmemachers Kevin Smith ein guter Anhaltspunkt für die Stimmung und die Marschrichtung von „Rachel Rising“.

Vor dem Hintergrund dämonischer Aktivitäten, Mordserien und wiedergeborener Hexenkulte kann und muss Moore nicht verbergen, dass er seine Geschöpfe über Liebe, Angst, Hass und Tod diskutieren lassen will. Dabei gelingt ihm ganz selbstverständlich jederzeit die Gratwanderung zwischen zynischem, augenzwinkerndem Humor und existenziellen, tiefgängigen Dialogen. Sein erzählerisches Talent und die beispiellos ausdrucksstarke Mimik seiner Figuren schafft dabei eine gewaltige Schnittmenge, die je nach Gemütslage des Lesers sowohl einen rein unterhalterischen als auch einen rein intellektuellen Zugang zu „Rachel Rising“ ermöglicht, sich aber in der Mitte zwischen diesen beiden Extreme am besten und intensivsten anfühlt.

„Rachel Rising“ ist mystisch und spirituell, ohne sich in esoterischem Gewäsch oder religiösen, dogmatischen Konzepten zu verlaufen, berührt selbst den sachlichsten Realisten und verfügt über einen einzigartigen, bitter-süßen Humor. Trotz dieser vielen Qualitäten, durch die alle sieben Bände sich einen Ehrenplatz in jeder gut sortierten Comic-Sammlung verdient haben, hat die TV-kompatible Mystery-Saga aber vor allem auch das Potential selbst eiserne Comic-Muffel von sich zu überzeugen und eignet sich hervorragend als Geschenk für lesefaule Netflix-Junkies.

Wer dem genialen Terry Moore etwas schenken will, der kann in Kürze im Rahmen der „Rudolph Dirks Award“ in gleich zwei Kategorien für „Rachel Rising“ abstimmen.

rachel7miniRACHEL RISING Bd.7: Staub zu Staub
Autor & Künstler: Terry Moore
128 Seiten
Broschiertes Softcover
14,95€
Erschienen bei Schreiber & Leser