X-MEN (Bd.2, 2016)


Obwohl die X-Men die Spezies der Mutanten annähernd für ausgestorben hielten, empfangen sie ein hoffnungsvolles Signal. Ganze 600 neue, mutierte Lebenszeichen wurden von Techniker Forge geortet. Die Herkunft der mutierten, menschlichen Embryonen offenbart sich jedoch schnell als tückische Falle, die Storms heldenhafte Freaks auf eine Irrfahrt durch Raum und Zeit führt. Verantwortlich für dieses Chaos ist kein Geringerer als En Sabah Nur, besser bekannt als Apocalypse. Der älteste und schrecklichste Mutant, der die Menschheit je bedrohte.

Der zweite Band der hoffnungsvollen Zusammenarbeit von Autor Jeff Lemire (Descender, Sweet Tooth) und dem virtuosen Zeichner Humberto Ramos (Crimson, Fairy Quest, Spider-Man) vermag trotz aller Bemühungen nicht gegen die Windmühlen des ewigen, marvelschen Wiederholungszyklus anzukämpfen. Natürlich ist dieser Teil des großen „Apocalypse-Krieg“-Crossovers solide Superhelden-Unterhaltung, schließlich weiß Lemire wie man Charaktere aufbaut und eine spannende Erzählung strukturiert. Der Kern der hanebüchenen Zeitreise bleibt allerdings die hundertfach aufgewärmte Variante des Neunziger-Crossovers „Zeit der Apocalypse“. Erneut kämpfen heldenhafte Mutanten also gegen auf die Seite des Bösen gewechselte „Reiter der Apokalypse“ und werden wir Zeuge einer fernen, feindseligen Zukunft. All das durfte man schon deutlich uninspirierter und unschöner inszeniert lesen. Trotzdem hinterlässt der zweite Sammelband der US-Serie „Extraordinary X-Men“ seine Leser mit der traurigen Gewissheit, dass mit diesem starkem Kreativteam außerhalb der großen Verlagsagenda deutlich mehr möglich gewesen wäre.

Dass Zeichner-Stars wie Ramos allein zeitlich keine komplette, fortlaufende Serie tragen können ist nachvollziehbar. Warum man mit Victor Ibanez aber einen Support-Zeichner gewählt hat, der stilistisch soweit von Ramos entfernt ist, leuchtet nicht ein. Mit „Rocket Raccoon“ hat der Verlag bewiesen, dass diese Auswahl deutlich passender erfolgen kann.

Für Lichtblicke sorgt hingegen die neue, allmählich den Kinderschuhen entwachsende Generation von X-Men um Wackelpudding-Mann Glob oder Telepathin Ernest. Die ursprünglich von Grant Morrison eingeführten Figuren bieten noch immer eine Menge ungenutztes Potential, das bei jedem ihrer Auftritte klar durchscheint. Nach dem wirklich sehr gelungenem ersten Band bleibt nun die Hoffnung, dass sich Lemire möglicherweise einfach nicht besonders wohl im apokalyptischen Korsett gefühlt hat und seine Vision mit der folgenden Storyline wieder unbeirrt verfolgen kann. Marvel täte manchmal gut daran, seinen Künstlern mehr kreative Freiheit einzuräumen, anstatt sie zwanghaft Zusammenhänge mit neu erscheinenden Kinofilmen wie „X-Men: Apocalypse“ konstruieren zu lassen…


X-MEN (2016, Bd.2)
Autoren: Jeff Lemire, Rick Remender
Künstler: Victor Ibanez, Humberto Ramos
164 Seiten
Softcover
Erschienen bei Panini