Ende der achtziger Jahre in einer stinknormalen, amerikanischen Vorstadt, tragen am Halloween-Morgen vier Kinder die Zeitungen mit ihren Fahrrädern aus. So wie das eben üblich ist, an diesen beschaulich-langweiligen Orten, an denen die Welt scheinbar noch in Ordnung ist. Ungewöhnlich ist an den Zeitungskurieren des „Cleveland Preserver“ zumindest noch zu diesem Zeitpunkt ihr Geschlecht. Während Tiff, KJ und die rotzige, wehrhafte Mac schon ein eingespieltes Team sind, soll es die erste Tour für Erin werden. Schnell muss sie feststellen, wie schnell man sich unter entsprechend extremen Voraussetzungen in eine bestehende Gruppe integrieren kann. Denn innerhalb weniger Stunden finden sich die verdutzten Mädels in einem apokalyptischen Szenario mit entstellten, kybernetischen Zeitreisen, Dinosaurier-Rittern und rätselhaften, technischen Geräten wieder…

Erneut ist es vor allem die unverwechselbar ehrliche und authentische Sprache seiner Figuren, die das neue Werk von „Saga“-Autor Brian K. Vaughan so herrlich eigenständig und glaubwürdig macht. Auch wenn niemand der konzeptionell sehr ähnlichen, großartigen Netflix-Serie „Stranger Things“ ihre Qualität absprechen will: Kids in diesem Alter fluchen eben auch, sagen politisch unkorrekte Dinge oder rauchen sogar mal eine Kippe. Und für familiäre Dramen braucht es nicht immer eine übernatürliche Kindesentführung, das bekommen Alkoholismus und Perspektivlosigkeit in „Paper Girls“ auch hervorragend auf realistischem Wege hin.

Trotzdem ist „Paper Girls“ natürlich kein altbackenes, schwermütiges Drama. Die neue Indie-Reihe, die in Deutschland ihre naheliegende Heimat nun bei den Ludwigsburgern von Cross Cult (u.a. „The Walking Dead“, „Hellboy“ und „Sin City“) gefunden hat, besticht selbstverständlich auch durch ihre fantastischen Kreaturen, skurillen Ereignisse und ihr stilsicheres Design. Für letzteres ist der New Yorker Künstler Cliff Chiang verantwortlich, der seinen unverwechselbaren, dekorativ-weichen Stil bereits den gefeierten „Wonder Woman“ Stories von Star-Autor Brian Azzarello verlieh. Für die Visualisierung wurde Cliff 2016 mit dem Eisner Award ausgezeichnet, dem international wichtigstem Comic-Preis.

Trotz vieler bizarrer Einfälle liest ist „Paper Girls“ jedoch viel geerdeter und weniger hysterisch als Vaughans Vorzeigewerk „Saga“. Das hat sicher auch mit dem stilechtem und liebevollem Retro-Einschlag zu tun, der sich bis in kleinste Details, wie die charakteristische „Miami Vice“-Farbgebung widerspiegelt. Das macht die großartige Genre-Mixtur nicht nur für erfahrene Comic-Leser interessant, sondern dürfte auch den einen oder anderen Netflix-Junkie, der seine Freude an „Stranger Things“ hatte für das Medium begeistern können.



PAPER GIRLS (Bd.1)
Autor: Brian K. Vaughan
Künstler: Cliff Chiang
144 Seiten
Hardcover
22,00€
ERSCHIENEN BEI CROSS CULT