Als Sympathieträger im zweiten Avengers-Film „Age of Ultron“ konnte der esoterisch angehauchte Biomechanik-Pinocchio „Vision“ auch zahlreiche Herzen nicht lesender Marvel-Freunde gewinnen. Eine erst kürzlich erschienene, abgeschlossene Comic-Reihe über „Vision“ wurde kürzlich mit dem begehrten „Eisner-Awards“ ausgezeichnet, quasi den Oscars der Comic-Kunst, die jedes Jahr im Rahmen der „San Diego Comic Con“ verliehen werden.

Um sich weiter seinem Ziel der Menschlichkeit anzunähern, erschafft Vision sich eine Robo-Frau und zwei Robo-Kinder, um gemeinsam mit dieser künstlichen Familie ein typisches „Suburb“-Häuschen vor der US-Hauptstadt Washington D.C. zu beziehen. Möglichst wenig auffallen sollen die Ärmsten dort, während Papa tagsüber mit den Avengers die Welt rettet. Da stellt sich schnell die Frage, welche Aufgabe leichter fällt, denn realitätsgetreu sehen sich die rothäutigen Superhirne der Vision-Family schon bald mit Anfeindungen und Vorurteilen konfroniert. Als die Familie dann in Abwesenheit des Vaters von einem Superschurken überfallen wird, der das künstliche Leben der Kinder bedroht, sieht Mutter Virginia sich gezwungen, die vom Gatten so sehnlichst erhoffte Normalität zu bewahren, indem sie den im Eifer des Gefechts ums Leben gebrachten Aggressor kurzerhand im Garten verbuddelt. Wie wir durch zahlreiche Filme und Serien wissen, gelangen derartig vertuschte „Missgeschicke“ jedoch früher oder später immer wieder ans Tageslicht und sorgen für Komplikationen… „Vision“ ist in jeder Hinsicht ein herausragender, tiefer Comic, voller scharfsinniger und gesellschaftskritischer Analogien. Erfreulicherweise begleitet mit Gabriel Hernandez Walta ein Künstler die Reihe, dessen sehr analoger, eigenwilliger Stil auch eher Assoziationen mit dramatischen Graphic Novels weckt, als mit effektgeladenen Superhelden-Massenschlachten.

Egal ob man die viel zu schnell vorübergehenden zwei Bände als bitteren Abgesang auf dysfunktionale Familien sehen möchte, die an der gesellschaftlichen Erwartungshaltung scheitern, oder als traurige Erkenntnis, dass künstliche Intelligenz mitunter bereits empathischer und anständiger handelt als so mancher Mensch ist: „Vision“ ist einer der wichtigsten und stärksten Marvel-Comics dieses Jahrzehnts und gehört in jede gut sortierte Sammlung.



VISION (Bd.1) – Eine (fast) normale Familie
Autor: Tom King
Künstler: Gabriel Hernandez Walta
140 Seiten
Broschiertes Softcover
16,99 Euro
Erschienen bei Panini

 


VISION (Bd.2) – Träumen Androiden von virtueller Liebe?
Autor: Tom King
Künstler: Gabriel Hernandez Walta
140 Seiten
Broschiertes Softcover
16,99
Erschienen bei Panini