Die Katze des Rabbiners ist wie die meisten Katzen. Egoistisch, bestimmend und skeptisch bis herablassend. Im Algier des frühen zwanzigsten Jahrhunderts lebt sie bei ihrem Herrn, dem spirituellen Oberhaupt der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Außerdem umschwärmt sie seine liebreizende Tochter Zlabya. Nach dem heimtückischen Verzehr des Familien-Papageis kann das mürrische Tier nun seine meist schnippisch-vorwurfsvollen Gedanken auch den Menschen gegenüber kommunizieren. Und das macht die Katze ohne Unterlass…

Joann Sfars herrlich eigenwillige Comicreihe kommt im französischen Original auf bislang acht Alben, die der avant-Verlag mit seinem dritten, stattlichem Hardcover-Sammelband nun alle in deutscher Übersetzung veröffentlich hat. Das Brillante an Sfars bislang umfangreichsten Projekt ist mit welch spielerischer, unverkrampfter Leichtigkeit er seinem Leser eine unglaubliche Menge an kulturellen Informationen vermittelt. Von philosophischen Theorien, über die Situation Algeriens in den Zwanzigern bis hin zu reichlich Anekdoten über jüdische Gepflogenheiten vergeht kaum ein Panel, das seinen Betrachter nicht wissender hinterlässt. Aber keine dieser kulturellen Eigenheiten der jüdischen Gemeinde wird dogmatisch vermittelt. Viel mehr kommen sowohl sehr strenge, als auch ihren Bräuchen gegenüber beinahe gleichgültige Juden zu Wort, die sich alle an der zynischen, extrem religionskritischen Katze abarbeiten müssen. Das ist nicht nur immer wieder brutal witzig, sondern verschafft dem bunten Treiben auch eine ganz neutrale Perspektive, die es auch hartgesottenen Atheisten ermöglicht, ganz nah an die wundervoll menschlichen Charaktere heranzukommen, ohne dabei ihre Weltanschauung adaptieren zu müssen.

Auch gestalterisch macht niemand dieser Katze so schnell etwas vor. Sfars sehr filigraner, sympathisch-zittriger Strich wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas unruhig und schludrig, offenbart mit fortschreitender Handlung aber wider und wider seine Genialität. Während die warme Retro-Farbpalette der Geschichte einen zeitlosen Anstrich verleiht, finden sich bei jedem erneuten Betrachten eines Einzelbildes immer mehr feine Details und Ornamente in den zunächst oft so chaotisch wirkenden Knäulen aus Tuschlinien. Für Leser die vor allem modern aufgemachte und digital kolorierter US-Heldencomics mutet diese Optik vielleicht erstmal laienhaft an. Wer sich auf die Katze als Gesamtkunstwerk einlässt, wird aber auch ohne Kunststudium die extrem pfiffigen und stimmungsvollen Bilder schnell zu schätzen wissen, die immer ein wenig aussehen als seien alle Protagonisten aus Wachs und würden jeden Moment beginnen zu schmelzen.

„Die Katze des Rabbiners“ ist so intelligent und humorvoll verpackte Hochkultur, dass man sie bei der Lektüre beinahe nicht bemerkt. In dieser Hinsicht darf sich Sfar also gut und gerne als legitimer Erbe der Asterix-Schöpfer Goscinny und Uderzo fühlen. Auch wenn bei den Galliern die Dichte und Komplexität der vermittelten Lerninhalte deutlich geringer waren, drängt sich dieser schmeichelhafte Vergleich ganz klar auf. Darüber hinaus vermitteln die vielen skurrilen Charaktere absolut überzeugend, dass alle Streitereien zwischen Anhängern der großen Weltreligionen keine Konflikte zwischen religiösen Werten sind, sondern zwischen menschlichen, persönlichen Schwächen. Eine warme, versöhnliche Message, die unsere Welt gerade gut gebrauchen kann.

Trailer zum leider nur auf französische erhältlichen Trickfilm-Adaption:


Leseprobe


DIE KATZE DES RABBINERS (Bd.1)
Autor & Künstler: Joann Sfar
152 Seiten
Hardcover
29,95 Euro
Erschienen bei AVANT

DIE KATZE DES RABBINERS (Bd.2)
Autor & Künstler: Joann Sfar
144 Seiten
Hardcover
29,95 Euro
Erschienen bei AVANT

DIE KATZE DES RABBINERS (Bd.3)
Autor & Künstler: Joann Sfar
200 Seiten
Hardcover
29,95 Euro
Erschienen bei AVANT