Der Samurai Takeo befindet sich auf dem Weg zur „Insel ohne Namen“, um herauszufinden, was aus seinem Bruder wurde, und wer er eigentlich ist. Als er ein junges Mädchen und ihre Amme vor Banditen schützt wird Takeo jedoch in ein viel größeres Abenteuer hineingezogen, das die Zukunft des Kaisers und ganz Japans betrifft. Denn Lord Akuma stelt mit Hilfe des Dreizehnten Propheten eine Armee auf, um den Kaiser zu stürzen und die Herrschaft über Japan zu erlangen. Der Emporkömmling hat dabei die Unterstützung dreier teuflischer Weiber, den drei „Schwarzen Frauen“, jede für sich mächtige Kriegerinnen mit übernatürlichen Kräften.

Schaut man sich die Zeichnungen von Frédéric Genét an fallen sofort die ungewöhnlichen Panel-Kompositionen ins Auge. Oft eine vollflächige Illustration, die die gesamte Szene einfängt mit übergelagerten Panels für Details und Dialoge. Zusammen mit den Farben von Delphine Rieu ziehen den Leser diese Gestaltungen schnell in den Bann der fesselnden Geschichte aus der Feder von Jean-François Di Giorgio. Wenn man die französischen Namen einmal außer Acht lässt könnte man leicht glauben einen japanischen Autor vor sich zu haben, so deutlich ist die Ähnlichkeit zu epischen japanischen Filmen wie „13 Samurai“, „Yojimbo der Leibwächter“ oder „Rurouni Kenshin“. Nur wenig schimmert der frankobelgische Stil durch, der die Dynamik aber spannend beeinflusst.

Wer einen Action-Knaller erwartet kommt aber wohl nicht auf seine Kosten. Ruhig fließt die Erzählung dahin, Spannung baut sich auf, wenn sich Schwertmeister und Banditen gegenüber stehen. Und plötzlich ist die Entladung da, wenn Takeo in seinem unnachahmlichen Stil die so angestaute Energie entfesselt. Rasch sind die Schnitte sowohl der Panels als auch seines Samurai-Schwertes, überraschend und plötzlich kommt der Tod zu denen, die den Vorteil in ihrer größeren Anzahl sehen. Wenig Schnick-Schnack aber eine besondere Detailverliebtheit zeichnen sowohl die körperlichen als auch die verbalen Duelle aus.

Takeos Schwertstil lässt sich wohl am ehesten als passiv-reaktiv beschreiben, provoziert er seine Gegner doch mit scharfer Zunge zu unüberlegten und übereilten Angriffen, was ihm durchaus Vorteile bringt. Verschlagenheit zu unterstellen ginge allerdings zu weit, zu ausgeprägt ist sein moralischer Kompass und der Einfluss durch „Bushido“, den Weg des Kriegers, auch wenn auf Takeo am ehesten der Begriff „Ronin“, also „herrenloser Krieger“ zutrifft.

„Samurai“ ist sowohl Heldenreise als auch politisches Ränkeschmieden. Auf der einen Seite der Kaiser und die ihm loyalen Fürsten, auf der anderen Seite Lord Akuma, ein Bilderbuch-Sadist und die ihm untertänigen Fürsten, die hoffen ein Stück des Kuchens abzubekommen. Wie genau Takeos eigene Vergangenheit und Zukunft in diese Geschichte passt bleibt noch ein wenig offen, handelt es sich hier ja erst um Band 1 der Gesamtausgaben, die nur drei der bisher erschienen neun „Samurai“-Geschichten umfasst: „Das Herz des Propheten“, „Die sieben Quellen von Akanobu“ und „Der Dreizehnte Prophet“ beschreiben erst die Anfänge, das große Ganze bleibt dem Leser noch weitestgehend verwehrt. Wer genau der schweigsame Schwertmeister wohl ist, was die kleine Natsumi für eine Rolle spielt und worum genau es sich bei dem Dreizehnten Propheten handelt erfährt der Leser wohl erst im weiteren Verlauf des Epos.


Leseprobe


SAMURAI: Gesamtausgabe 1, Autor: Jean-François Di Giorgio, Künstler: Frédéric Genêt, 160 Seiten, Hardcover, 34,80 Euro, Erschienen bei SPLITTER