Schon seit einiger Zeit veröffentlicht Panini in Deutschland unter dem Banner „Marvel Must-Have“ eine tatsächlich meist sehr gute Auswahl für sich allein lesbarer Highlights aus dem Haus der Ideen in vergleichsweise günstig, aber durchaus noch wertig produzierter Hardcover-Ausführung. In POW! – EIN COMICPODCAST haben wir bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass die Sammlung eine tolle Gelegenheit ist, sich ein individuelles „Marvel Best-Of“ zusammenzustellen, nicht zuletzt deshalb, weil kein durchgängiges Buchrückenmotiv oder eine fortlaufende Nummerierung Sammler mit ästhetischen Ansprüchen dazu zwingen würde, eigentlich uninteressante Titel nur der Vollständigkeit halber für die Sammlung zu kaufen. Hier möchte ich zukünftig in kompakter Form auf jene Titel der Kollektion hinweisen, die ich persönlich meiner Auswahl hinzufüge und darum auch gern ausdrücklich empfehle möchte.


Das unbestreitbare Highlight dieser ersten Ausgabe des Überblicks über die MARVEL MUST-HAVE-Bände ist MARVEL 1602, geschrieben von keinem Geringerem als Sandman-Schöpfer und Fantasy-Legende Neil Gaiman. Dabei verlagert Gaiman die Schurken und Helden des Verlags in eben jenes Jahr, in denen die besonderen Fähigkeiten der Protagonisten natürlich politisch und religiös ganz anders wahrgenommen und von der Bevölkerung reflektiert werden als in unserer Gegenwart. Einem Autor von solchem Format kann man natürlich nicht irgendeinen Zeichner zur Seite stellen und mit Andy Kubert fiel die Wahl auf einen Künstler, dessen handwerkliche Fähigkeiten der großen visuellen Herausforderung nicht nur gerecht wurde, sondern sie mit erwartungsgemäßem Bravour meisterte. Für Grant Morrison bebilderte Kubert unter anderem einen der einflussreichsten, modernen Batman-Runs bei DC. Auch wenn die Folgereihen in der Welt von 1602 nicht mehr ganz überzeugen konnten – dieser abgeschlossene Auftakt sollte wirklich in keiner Sammlung fehlen.

MARVEL MUST-HAVE: 1602, Autor: Neil Gaiman, Künstler: Andy Kubert. 236 Seiten, Hardcover, 29,00 Euro, Erschienen bei PANINI


Die „Farben“-Reihe des Autoren-Künstler-Gespanns aus Jeph Loeb und Tim Sale (u.a. Batman – The Long Halloween) verspricht ansprechend inszenierte, sehr menschliche und emotionale, immer in sich abgeschlossene Geschichten, die sich jeweils einem ikonischen Helden widmen. „Captain America White“, „Hulk Grey“ oder „Daredevil Yellow“ sind ebenso kinoreife, intensive Stories, wie das hier präsentierte „Spider-Man Blue“. Denn „Blue“ meint hier die Trauer, die Peter Parker auch noch nach vielen Jahren verspürt, wenn er an seine verstorbene Liebe Gwen zurückdenkt. Eine der stärksten, einfühlsamsten und intensivsten Spidey-Stories in traumhaften, bitteren Bildern, die das Prädikat „Must-Have“ völlig zurecht trägt.

MARVEL MUST-HAVE: SPIDER-MAN BLUE, Autor: Jeph Loeb, Künstler: Tim Sale. 172 Seiten, Hardcover, 19,00 Euro, Erschienen bei PANINI


Nach dem riesigen Erfolg der „Spider-Verse“-Trickfilme erlebten die vielen Varianten der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft auch in Comic-Form eine starke Renaissance. Wie es nun um die Real-Serie mit Nicolas Cage als knurrige Hard-Boiled-Spinne zur Zeit der Prohibition bestellt ist, steht nach dem dramatischen Absturz von Sonys „Madam Web“-Film wohl in den Sternen. Die sehr viel ernstere, abgeschlossene und düstere Noir-Story zu eben dieser Spidey-Variante verdient aber definitiv einen Platz im Marvel-Olymp. Eben weil sie so weit vom leichtfüßigen, verspielten Original abweicht und dabei starke, ungewohnte Bilder liefert. Wer gern mehr zum Titel wissen möchte, darf einen Blick in die ausführliche Rezension zur „Spider-Man Noir Collection“ von Andreas werfen, in der diese Story mit enthalten ist.

MARVEL MUST-HAVE: SPIDER-MAN NOIR, Autor: David Hine, Fabrice Sapolsk, Künstler: Carmine Di Giandomenico, 116 Seiten, Hardcover, 19,00 Euro, Erschienen bei PANINI


Der beste Grund, die Thanos-Story von Venom-Reformator Donny Cates zuzulegen ist nicht etwa, um einfach über eine weitere Geschichte rund um den wahnsinnigen Titan zu verfügen, sondern viel mehr um die Ursprünge von Cates abgefahrener Kreation, dem „Cosmic Ghost Rider“ nachvollziehen zu können. Der konnte nämlich völlig zurecht wahnsinnig schnell die Gunst der Comicleser erobern und wurde bereits zwei Jahre nach diesem Debüt mit einem eigenen Omnibus-Band bedacht. Den herrlichen Retro-Scifi-Look von Zeichner Geoff Shaw nahm Cates übrigens kurzerhand mit in sein eigenes Projekt, „Crossover“, das in Deutschland bei Splitter erscheint.

MARVEL MUST-HAVE: THANOS, HERRSCHER DES UNIVERSUMS, Autor: Donny Cates, Künstler: Geoff Shaw, 188 Seiten, Hardcover, 19,00 Euro, Erschienen bei PANINI


Die Venom-Prämisse des unter anderem von uns frenetisch gefeierten Indie-Autoren Rick Remender (u.A. „Deadly Class“ und „Low“) klang auf dem Papier gar nicht mal so gut – der amputierte Veteran und ehemalige Highschool-Peiniger von Peter Parker, Flash Thompson verbindet sich im Rahmen von „Project Rebirth“ mit dem außeriridschen Venom-Symbiont, um als Spezial-Agent für die US-Regierung besonders heikle Aufträge zu erledigen. Dieser neue Venom war am Ende eine ganz andere Figur, als das liebgewonnene, hirnfressende Monster mit dem Haifischgebiss. Und vielleicht legte Remenders stets auf authentische Charaktere fokussierte Arbeit genau deshalb den Grundstein für eine Variante der ikonischen Figur, die noch sehr lange, auch in Teams wie den Thunderbolts oder den Guardians ein wichtiger Bestandteil des Marvel-Kosmos wurde. Als alleinstehenden Venom-Titel würde ich persönlich eher das erzählerisch deutlich stärkere „Venom – Dark Origin“ empfehlen, aber als Meilenstein macht die Einführung des Flash-Venom durchaus Sinn für die Sammlung!

MARVEL MUST-HAVE: VENOM – NETZ DES TODES, Autor: Rick Remender, Künstler: Tom Fowler, Tony Moore, 132 Seiten, Hardcover, 19,00 Euro, Erschienen bei PANINI


Rein inhaltlich ist „X-Force: Sex & Gewalt“ nicht unbedingt das, was man ein „Must-Have“ nennen müsste. Die Story bietet düstere, schwitzige Action mit Femme-Fatal-Faktor, die einfach nicht mitbekommen hat, dass „Dark & Gritty“ zum Zeitpunkt ihres Erscheinens eigentlich längst nicht mehr gefragt war. Sie wirkt wie ein solides, aber aus der Zeit gefallenes Relikt einer Ära, in der „Matrix“ noch die Kinocharts dominierte. Was bis heute nachhallt sind aber die unangemessen opulenten Malereien von Gabriele Dell’Otto, welche die erzählerisch kompakte Ballerorgie auch heute noch zu einer echten Augenweide machen, die kein bisschen von ihrer Opulenz eingebüßt hat. Ein „Must-Have“ eher für’s Auge, nicht so sehr für’s Hirn.

MARVEL MUST-HAVE: X-FORCE – SEX & GEWALT, Autoren: Christopher Yost, Craig Kyle, Künstler: Gabriele Dell’Otto, 108 Seiten, Hardcover, 19,00 Euro, Erschienen bei PANINI