Oink – Himmels Schlachter

In der verstörenden Zukunftsvision von John Mueller ist die Welt im festen Griff einer faschistisch-christlichen Sekte, die in ihren Schlachthäusern und Fabriken Schweinemenschen züchtet. Die armen Kreaturen sollen der menschlichen „Herrenrasse“ als Sklaven und Futterernter dienen. Bis zu dem Tag, an dem eines der Wesen sich gegen die Unterdrücker erhebt…

Ein junger Priester wird in die Zelle des „Schlachters von Himmel“ geführt. Diesen Titel hat man zur Warnung in großen Lettern außen auf die Zellentür gemalt. Der Geistliche soll dem Amokläufer und Massenmörder die letzte Beichte vor seiner Hinrichtung abnehmen. Aber der Schlachter ist kein Mensch. Buchstäblich nicht. Sein wahrer Name lautet Oink und er ist ein denkender, fühlender, sprechender Hybrid aus Schwein und Mensch. Diese Wesen dienen den erschreckend kaltherzigen und bösartigen Menschen bedingslos. Die meisten von ihnen jedenfalls. Nachdem Oink Zeuge wird, wie sein väterlicher Freund Spigot sich der täglichen Gehirnwäscheandacht des Fabrikdirektors widersetzt wird sein Heranwachsen nun insgeheim von vielen bohrenden Fragen bestimmt. Fragen nach „Himmel“, dem Ort der den Schweinemenschen für immer verschlossen bleiben sollen, weil sie aufgrund ihrer Herkunft seiner nicht würdig sind. Was Oinks Gedanken und Gefühle aber vor allem bestimmt ist die Frage nach seiner Freiheit.

Als er erneut Zeuge werden soll, wie eine Sau geschlachtet wird, richtet Oink den menschlichen Peiniger hin, jagt das Schlachthaus in die Luft und flieht. Auf seiner Flucht will er all seine Fragen klären. Will er wissen, wie viel Wahrheit an den Worten des Direktors war. Und wo immer er fragt hinterlässt Oink viel Blut, Verwüstung und Leid – Wie die Menschen es ihn gelehrt haben…

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Mit seinem 20-jährigen Jubiläum veröffentlichte Dark Horse in den Staaten kürzlich eine vom Künstler selbst 5 (!) Jahre lang „remasterte“ Fassung von „Oink – Heaven’s Butcher“ die nicht nur visuell stark überarbeitet, sondern der auch komplett neue Story-Sequenzen hinzugefügt wurden. Da ich tragischer Weise erst jetzt, mit der deutschen Hardcover-Veröffentlichung von Splitter mit dem Titel konfrontiert werde, kann ich also keine Vergleiche zum Original ziehen, sondern werde mich auf die Bewertung der vorliegenden, neuen Fassung beschränken.

Das einzige an Oink, das nicht überragend ist, ist die inhaltliche Komplexität. „Himmels Schlachter“, so der Untertitel der ersten von zwei „Oink“-Stories glänzt nicht durch unvorhersehbare Storywendungen, verworrene Charakterkonstellationen oder poetische Monologe. Der damals erst 22-jährige Texaner John Mueller erzählt die Geschichte eines durch religiösen Fanatismus und gesellschaftliche Unterdrückung völlig verstörten Kindes. Und dieses Kind wächst insgeheim, um brutalen Strafen zu entgehen, zu einem kritischen, intelligenten jungen (Schweine-)Mann heran, der letzten Endes seine Unterdrücker in einem verstörenden Amok-Kreuzzug richtet. Oink will endlich die Wahrheiten erfahren, die ihm so lange vorenthalten wurden.

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Es würde sicher leicht fallen, John Muellers Buch als spätpubertäre, geschmacklose Gewalt- und Allmachtsfantasie darzustellen, wenn man es wollte. Als Aufruf zu Gewalt, zum Amoklauf. Und als jugendgefährdend. Natürlich ist „Oink“ kein Buch, das in Kinderhände gehört. Aber wie schon die Trickserie „South Park“ oder Shockrocker wie „Marilyn Manson“ oder „Slipknot“ ruft Mueller nicht zur Gewalt auf. Er legt den Finger in die Wunde, hält der Gesellschaft den Spiegel vor die schäbige Fratze. Nicht Comicbücher, Rocksongs oder Filme machen junge Menschen zu Mördern. Soziale Ausgrenzung, Vereinsamung, Herabwürdigung und Aussichtslosigkeit sind die Wurzel solcher trotz allem durch nichts zu rechtfertigender Tragödien. Und genau dies Tatsache thematisiert „Oink – Himmels Schlachter“.

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„Oink“ sieht absolut atemberaubend aus. Für gewöhnlich benutze ich in einer Rezension drei Bilder. In dieser sind es gleich fünf geworden. Weil ich unbedingt zeigen wollte, dass die Bilder im 120 Seiten starken Hardcover nicht nur handwerklich beeindruckend und ungemein dekorativ sind, sondern vor allem wie wahnsinnig viel Ausdruck sie haben. Mueller braucht nicht viele Worte, um seinen Leser verdammt intensiv erfahren zu lassen, welches Leid den Schweinemenschen von Schlachthaus 628 widerfährt. Sein Gefühl für Mimik, Gestik und der perfekte, dramatische Umgang mit Licht schlagen einem den Geist der Revolution mit jeder neuen Seite mitten ins Gesicht.

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Trotz aller erkennbar ehrenhaften Motive und Ideen muss man die wirklich sehr präsente Gewalt in der zweiten Hälfte des Buches zumindest akzeptieren können. Ich persönlich akzeptiere sie nicht bloß, sondern genieße sie auch. Nicht weil ich geisteskrank oder verhaltensgestört wäre (auch wenn wir sicher Gegenstimmen finden), sondern weil sie sehr, sehr kunstvoll inszeniert ist. Mit viel farbigem Gegenlicht und dynamischen Perspektiven zitiert Mueller ohne Unterlass harte Videotheken-Action der Achtziger und erinnert dabei optisch sehr oft an die Werke von Simon Bisley, der ihm ausdrücklich als große Inspiration für seine Kunst diente.

In den letzten sechs Wochen habe ich für meinen Blog unglaublich viele Comics gelesen. Und mit jedem Buch sind natürlich auch meine Ansprüche gewachsen. Trotz allem hat „Oink“ mir wirklich viel gegeben, auf eine Art und Weise wie nur Comics es können. Die extrem gewagte und ambitionierte Mischung aus gnadenloser Gesellschaftskritik und beinharter Trash-Action konnte einfach nur als Independent-Comic verwirklicht werden, hinter dem keinerlei zielgruppenorientierte Überlegung steckt. Und dafür liebe ich das „Medium Comicbuch“. Oink ist perfekt. Comic des Monats. Punkt.

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  • Autor & Zeichner – John Mueller
  • Hardcover
  • 120 Seiten
  • ISBN 978-3-95839-156-7
  • Preis – 19,80€
  • Erscheint am 1.8.2015

Rezensionsexemplar – Hardcover, zur Verfügung gestellt von Splitter – Herzlichen Dank!

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