DER UNTERWASSER-SCHWEIßER


Unterwasser-Schweißer Jack Joseph liebt seinen Beruf. Das können die meisten seiner Kollegen oder auch der anderen Einwohner seiner deprimierenden Küstenstadt in Neuschottland nicht verstehen. Unter dem Meeresspiegel ist Jack allein mit den Erinnerungen an seinen versoffenen aber liebevollen Vater, der hier auf einem Tauchgang verstarb, als Jack erst zehn Jahre alt war. Weder seine Mutter, noch seine hochschwangere Ehefrau können den introvertierten, labilen Mann vom Trauma seiner Kindheit befreien und ihn der Gegenwart und seiner eigenen Familiengründung zuwenden. Als Jack eines Tages auf einem Tauchgang beginnt, Stimmen zu hören droht die Situation zu eskalieren…

Üblicherweise sind die Kreativen hinter den einzelnen Segmenten der Comic-Künst sehr sauber voneinander getrennt. Man konzentriert sich nur auf intellektuelle, schwermütige Graphic Novels, bunte Unterhaltung wie Superhelden-Heften und Cartoons oder man positioniert sich in der Schnittmenge der hippen, stylischen und dabei auch mal mehr und mal weniger anspruchsvollen Indie-Publikationen.

Der junge Kanadier Jeff Lemire ist jedoch in all diesen Kategorien nicht nur zuhause sondern auch ausgesprochen erfolgreich. In Deutschland erscheinen aktuell bei Panini seine Beiträge zu Marvels „X-Men“ und natürlich der Fortsetzung zu Mark Millars Filmvorlage „Old Man Logan“. Bei Splitter hat das völlig zurecht preisgekrönte Scifi-Epos „Descender“ sein angemessen liebevolles Zuhause gefunden und bei Edition 52 ist seine von Kritikern international gefeierte „Essex County“-Trilogie erhältlich. Bei der großen Vielfalt seines Schaffens ist es nicht verwundertlich, dass „Der Unterwasser-Schweißer“ nun sein Zuhause in einem weiteren, bislang vom Autor und Künstler unbespieltem Verlag gefunden hat. Die Rostocker vom Traditionsverlag Hinstorff haben sich auf Veröffentlichungen mit maritimen Themen spezialisiert, unter denen sich auch eine überschaubare Zahl handverlesener Graphic Novels findet.

Mit wenigen, zittrigen aber meisterhaft treffsicheren Tuschelinien formt Lemire mit seinem Taucher-Drama ein deprimierendes Szenario, das vor allem von seiner immens großen, emotionalen Glaubwürdigkeit lebt. Auch wenn es im gemütlichen Lesesessel leicht fällt, ein vorschnelles Urteil über einen vermeintlich egoistischen und undisziplinierten Ehemann und werdenden Vater zu fällen, findet man sich trotzdem schnell inmitten von Jacks aussichtslosem Gefühlssog wieder. Der Unterwasser-Schweißer liebt seine Frau und möchte für sie und das gemeinsame Kind da sein, doch seine Gedanken kreisen ausschließlich um die Welt unter der Wasseroberfläche und seinen gebrochenen Vater, von dem er sich nie verabschieden konnte.

Inhaltliche Zusammenfassungen oder Rezensionen können der Intensität nicht gerecht werden, mit der Lemire fernab von kalkuliertem Betroffenheits-Kitsch diesen komplexen, emotionalen Sachverhalt vor allem über seine rauhen, eindringlichen Skizzen wiedergibt, die nicht nur den Charakter seiner Figuren, sondern vor allem ihrer ungastlichen und aussichtslosen Umgebung widerspiegeln. Man muss der Kunstform Comic schon sehr fern sein, sich bereits im Vorfeld ein unzutreffendes Bild von diesem eindrucksvollem, kleinem Buch machen, oder einfach ein Herz aus Eis haben, um am Ende von „Der Unterwasser-Schweißer“ keinen dicken, schweren Kloß im Hals zu haben.

Auch wenn es einem Werk und der ganzen Industrie stets wichtige, öffentliche Aufmerksamkeit verschafft, wenn ein Comic in der Traumfabrik Hollywood filmisch aufbereitet werden soll, wird es die von Schauspiel-Star Ryan Gosling angekündigte Umsetzung dieser herzzerreißenden „Slice of Life“-Story ausgesprochen schwer haben. Jacks Reise in seine schmerzhafte Vergangenheit orientiert sich mit beeindruckender Perfektion an den erzählerischen Möglichkeiten, die das Comic-Medium bietet. Ein großartiges Buch.


DER UNTERWASSER-SCHWEIßER
Autor & Künstler: Jeff Lemire
224 Seiten
Taschenbuch (S/W)
18,99€
ERSCHIENEN BEI HINSTORFF