HERBST IN DER HOSE


Paul Niemöser muss sich der bitteren, unvermeidbaren Wahrheit stellen. Auch er wird älter und – damit einhergehend – sexuell weniger aktiv. Während es seinem Lebenspartner Konrad deutlich leichter fällt, den eigenen Verfall zu akzeptieren, bangt der einst so aktive und für seine Liebesdienste gefragte Paul derweil auch um seinen Marktwert. Denn während der schöne Ingo mit dem knackigen Hintern nun einen jüngeren Spielgefährten für seine Ausflüge nach Köln gefunden hat, erhöht ausgerechnet „Bockwurst“ aus Leverkusen die Frequenz seiner sexuellen Anfragen deutlich. Der hat aber einen eher schwabbligen Allerwertesten und bringt diesen beim Liebesspiel auch nur anfangs in eine eher statische Position. Sollten Pauls Tage als kompakter, heißblütiger, bewunderter Stern am Himmel des schwulen Nachtlebens tatsächlich gezählt sein? Und was noch viel schlimmer ist – Kann es tatsächlich sein, dass im Rahmen der „Andropause“ seine Libido schwinden wird?

Eigentlich sind 54 Jahre ein ausgesprochen zartes Alter, um mit dem „Max & Moritz“-Preis für das eigene Lebenswerk ausgezeichnet zu werden. Ralf König ist dieses Kunststück 2014 trotzdem und völlig verdient gelungen. Während ein Großteil seines Werks in der homosexuellen Szene beheimatet ist, der er durch zahlreiche Übersetzung seiner Bücher auch eine internationale Stimme geben konnte, widmeten sich seine letzten Veröffentlichungen vor allem der Religionskritik. Nun kehrt der König zurück zu seinen Wurzeln.

„Herbst in der Hose“ ist nicht nur unerbittlich komisch, sondern verströmt dabei auch von der ersten bis zur letzten Seite unnachahmlich viel Charme. Ungeachtet der sexuellen Orientierung oder des Geschlechts des jeweiligen Lesers fällt es nämlich ausgesprochen leicht, sich in der herrlich hysterischen Überzeichnung der Angst vor dem Älterwerden wiederzufinden. König findet immer treffsicher genau die richtige, winzige aber intensive Schnittmenge zwischen derben Zoten und zu aufrichtiger, ansteckender Emotionalität. In diesen Momenten wird deutlich, was ihn erzählerisch-qualitativ von vielen anderen Knollennasen-Cartoonisten unterscheidet. Nämlich die Gabe, seine Figuren und Geschichten ernste Themen transportieren und für den Leser reflektieren zu lassen, ohne dabei humoristisch innezuhalten und den Kunstgriff mit schmerzhaft unsubtiler und peinlicher Leuchtreklame zu versehen. Dann ist’s nämlich nicht mehr lustig!

Mit einem unerwartet melancholischem, warmherzigem und erfreulich unkitschigem Finale entlässt „Herbst in der Hose“ seine Leser in die Gewissheit, dass man dem Ende tatsächlich näher ist, als zunächst gedacht. Aber es lässt auch keinen Zweifel daran, wie schön und erstrebenswert dieses Ende sein kann.



HERBST IN DER HOSE
Autor & Künstler: Ralf König
176 Seiten
Hardcover
22,95 Euro
ERSCHIENEN BEI ROWOHLT