Den Goon zu kategorisieren fällt nicht leicht. Antiheld trifft es nicht, Held erst recht nicht. Obwohl, für die älteren Damen in der Kleinstadt, die der Goon seine Heimat nennt, und denen er Kätzchen vom Baum rettet, stimmt das vermutlich sehr wohl. Optisch macht der Goon ordentlich was her: Knapp 2 Meter groß mit Armen wie Baumstämmen sieht er aus, wie man sich einen Kirmesboxer vorstellt. Markenzeichen: Gestreiftes T-Shirt und Schlägermütze. Von vielen Worten hält der Goon allerdings nicht viel. Was er sagt, meint er so und er wiederholt sich nur ungern. Für die flotten Sprüche immer an seiner Seite: Franky. Seine kleine und eher durchschnittliche Statur macht er durch völligen Wahnsinn wieder wett. Als Kind viel gemobbt hat der Goon ihm mal aus der Patsche geholfen. Seitdem folgt ihm Franky auf Schritt und Tritt.

In den ersten Geschichten gibt der Goon sich als Geldeintreiber für dem Mafiaboss Labrazio aus und treibt von diversen Kleinkriminellen Geld ein, das aber in seine und Frankys Taschen wandert. Relativ schnell hält das Übernatürliche in Form von Fischmenschen Einzug, die direkt aus der Feder von H. P. Lovecraft stammen könnten. Es gibt Zombies, welche stilecht von einem Zombie-Priester angeführt werden und die „Lonely Street“ als ihr Territorium markiert haben. Mit beiden steht der mürrische Rausschmeißertyp ordentlich auf Kriegsfuß und verteidigt seine Stadt vehement gegen ihren Einfluss.

Erzählerisch bietet „The Goon“ alles, was man sich von der Serie auf den ersten Blick erwartet: Der erste Band geht direkt in medias res, einige Scharmützel mit den Fischmenschen und Vorstellung einiger wichtiger Nebencharaktere. Erst in späteren Bänden wird erklärt wo der Goon überhaupt herkommt, wann und wo er Franky kennenlernte und was eigentlich mit dem Mafiaboss Labrazio los ist. Sobald aber die Rahmenhandlung erstmal etabliert ist, werden die Handlungsbögen länger, Charaktere sterben, andere Charaktere verschwinden von der Bildfläche und tauchen später wieder auf. Verwicklungen, Fallen und Konterfallen bestimmen den Alltag des Fäuste schwingenden Heldens. Einige der Nebencharaktere bekommen auch gerne mal den ein oder anderen eigenen Handlungsbogen oder die eigene Entstehungsgeschichte spendiert. Wie z.B. der Bussard, eine Art Anti-Untoter, der sich nur von Zombie-Fleisch ernähren kann. Gerade diese Ausflüge in die Welten der Nebencharaktere sind es aber, die „The Goon“ sehr lebendig erscheinen lassen. Natürlich steht der Goon selbst im Mittelpunkt, aber seine Position wird von den guten Geschichten anderer skurriler Charaktere hervorragend untermauert, ja fast reliefartig hervorgehoben.

Texte und Zeichnungen stammen aus der Feder von Eric Powell, alles in allem erinnert die Optik an Siebziger-Exploitation-Horror. Die regulären Geschichten sind sehr farbenfroh, es dominieren allerdings Grün- und Brauntöne. Für Rückblicke wird ein sehr interessanter sepia-ähnlicher Schraffurstil verwendet, der hauptsächlich blasse Braun- und Grautöne einsetzt. Dies wirkt ähnlich wie schwarz-weiße Rückblicke in Filmen und wird in „The Goon“ verwendet um z.B. die Entstehungsgeschichte des Bussards, oder des kleinen Städtchens zu vermitteln.

Zeitlich lässt sich die Handlung nur schwer einordnen, am ehesten kommt wohl die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hin. Viele Szenarien erinnern an Gangsterfilme aus den 50ern, Maschinengewehre sind also schon etabliert, aber moderne Kommunikationsmittel eben noch nicht.

Ein häufiges Stilmittel ist die Unterbrechung des normalen Handlungsflusses durch eingeschobene Kurzgeschichten, Werbung für erdachte Artikel, oder, bekannt aus Comic-Büchern der 80er, Sammelmarken oder Gutscheine für weitere ausgedachte Fan-Artikel wie z.B. die Original-Goon-Kettensäge. Besonders Unterhaltsam auch eingestreute Was-Wenn-Stories, in denen Goon und Franky auch mal in die Rollen regulärer Superhelden gepresst werden und alle paar Panels ein neues Kostüm brauchen. Schließlich muss der Verkauf von Merchandise angetrieben werden. Oder Powell den beiden auch mal glitzernde Vampire vorstellt, über die der Goon natürlich nur müde lachen kann. Seitenhiebe auf zeitgenössische Popkultur gibt es also zuhauf.

Komplizierte, verzweigte Handlungsstränge oder großartige Charakterentwicklung sucht man hier zwar vergeblich, aber das ist auch nicht Powell’s Ziel. Vielmehr spielt er mit der Hauptfigur, die nach außen sehr dümmlich scheint, aber eine ordentliche Portion Witz und Cleverness mitbringt.  Zudem einen sehr fest eingenordeten moralischen Kompass, der ihm ziemlich deutlich zeigt wer warum was auf´s Maul verdient hat. Die Stories haben aber Hand und Fuß, völlig zurecht hat „The Goon“ mehrere der begehrten Eisner-Awards verliehen bekommen, unter anderem für beste Story und beste Comedy (wobei der Humor mehr als nur schwarz ist).

Veröffentlicht wurde das Ganze bei Cross Cult in neun wunderbaren gebundenen Büchern. Das Finale in zwei extra dicken Doppelbänden als „The Goon Universum“.


Leseprobe


THE GOON: Universum (Bd.1), Autor & Künstler: Eric Powell, 408 Seiten, Hardcover, 50,00 Euro, Erschienen bei CROSS CULT

THE GOON: Universum (Bd.2), Autor & Künstler: Eric Powell, 400 Seiten, Hardcover, 50,00 Euro, Erschienen bei CROSS CULT