Das hätte niemand für möglich gehalten: Nachdem Sony die Filmrechte zum beliebten Superhelden Spider-Man quasi dem Lizenzgeber„zurückleiht“, will der Playstation-Konzern aber weiterhin Filme zu Wandkrabbler-Charakteren herausbringen. Nur eben ohne den Hauptakteur. Ausgerechnet der furchteinflößende Venom, ein Erzfeind aus den Neunzigern, dessen Entstehung sehr eng mit Spidey verbunden ist soll seinen eigenen Film bekommen, ohne dass der Spinnenmann darin auftaucht. Das Budget und die Erwartungen von Sony und Fans sind den düsteren Vorzeichen angemessen, also im Verhältnis zu großen Marvel-Blockbustern recht niedrig angesetzt. Als aber Publikumsliebling Tom Hardy als Hauptdarsteller ins Spiel kommt, wird aus der Produktion aus zweiter Reihe doch noch ein riesiger Erfolg, der schon bald eine Fortsetzung bekommen soll. Dabei ist nicht nur Weltstar Woody Harrelson als Schurke Carnage mit von der Partie, sondern nimmt auch Motioncapture-Zauberer Andy Serkis auf dem Regiestuhl Platz. Der hat als Gollum und als Ober-Affe Cäsar bereits eindrucksvoll bewiesen, wieviel Leben und Persönlichkeit man zunächst sterilen Computerwesen mit genug Talent verleihen kann.

Was lag da also näher, als bei Marvel Comics die zuletzt etwas angestaubt und uninspiriert erzählte Figur einer Frischzellenkur zu unterziehen, um sie im feinsten Sonntagszwirn im Verkaufsregal zu präsentieren. Denn da wird es bestimmt ein paar interessierte Neuleser geben, die durch den Film angelockt werden könnten. Während bei Panini Comics Deutschland begleitend zum Film vor allem die Storyline von Mike Costa im Fokus stand, konnten sich US-Leser schon am kontrovers-raffinierten Neustart aus der Feder von Donny Cates erfreuen. Dabei erweitert der Autor die Hintergrundgeschichte des symbiotischen Monstrums bis weit zurück in die Menschheitsgeschichte, führt einen episch-mächtigen neuen Widersacher ein und erweckt dabei glaubhaft den Eindruck, dass all diese Dinge nun nicht an den Haaren herbeigezogene neue Ideen sind, sondern tatsächlich mythologische Tatsachen, die schon lang unter der Oberfläche des Marvel-Universums geschlummert haben. Klasse. Dass Künstler Ryan Stegman dabei mehr als einmal an Capullos Spawn-Glanzzeiten erinnert, ohne seinen eigenen, dezent europäisch wirkenden Stil zu verlieren ist dabei nur das Sahnehäubchen auf einem der stärksten Marvel-Neustarts überhaupt. Der Auftakt zur neuen Venom-Serie ist bereits im Mai diesen Jahres erschienen, der nächste Band erscheint in Kürze.

Obwohl in Deutschland erst danach erschienen zählt die abgeschlossene Miniserie „Venom – Der erste Wirt“ chronologisch und erzählerisch noch klar zur Reihe von Mike Costa, die im Januar 2019 bei uns mit dem vierten Band endete. Darin erfahren wir, dass nicht Spider-Man wie bislang angenommen das erste Lebewesen war, dass eine Symbiose mit dem schwarzen Superschleim eingegangen ist. Stattdessen hat bereits in den lang anhaltenden Kriegen zwischen Skrull und Kree ein blauhäutiger Krieger der letztgenannten Spezies im Bündnis mit dem Wesen viele Schlachten gewonnen. Nun ist er auf der Erde und wünscht sich, diese Verbindung zu erneuern. „Der erste Wirt“ ist eine spaßige und krachende Neunziger-Hommage, die vor allem von den herrlich nostalgischen Bildern des Spidey-Starzeichners Mark Bagley lebt. Inhaltlich werden vor allem herrlich bescheuerte Gründe gefunden, die vorkommenden Symbionten in möglichst vielen Verbindungen zu zeigen. Ganz so, als ginge es auch heute wieder darum möglichst viele verschiedene Actionfiguren an glückliche Kinder zu verkaufen. In einigen Sequenzen merkt man der Story an, dass sie noch kurz darüber nachdenkt, über sich hinauszuwachsen, sich dazu aber in ihrer naiv-rotzigen Retro-Rolle viel zu wohl fühlt. Und da macht sie sich ja auch gut.

Welches der beiden Bücher nun die bessere Wahl ist? Ganz einfach – Wer Venom-Comics in klassischem Neunziger-Gewand am liebsten mag, der schnappt sich den „Ersten Wirt“. Wer es gern düster, moderner und experimentierfreudiger mag, der ist mit der neuen Nummer Eins von Cates am besten beraten. Und wahre Fans des schleimig-kuschligen Soziopathen wollen ja ohnehin beides haben.


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VENOM: Symbiose des Bösen (Bd. 1), Autor: Donny Cates, Künstler: Ryan Stegman, 148 Seiten, Softcover, 16,99 Euro, Erschienen bei PANINI


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VENOM: Der erste Wirt, Autor: Mike Costa, Künstler: Mark Bagley, Künstler: Ron Lim, 116 Seiten, Softcover, 13,99 Euro, Erschienen bei PANINI